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Johann Wilhelm Wilms wurde am 30. März des Jahres 1772 in Witzhelden getauft. Sein exaktes Geburtsdatum ist nicht mehr zu ermitteln, dürfte aber, damaligem Brauch entsprechend, etwa 1-6 Tage vorher liegen.
Sein Vater Johann Wilms starb im Alter von 63 Jahren und war dreimal verheiratet. Seine ersten beiden Frauen verstarben im Wochenbett. Wahrscheinlich 13 Kinder, deren neuntes Johann Wilhelm war, wurden in diesen drei Ehen in Witzhelden geboren. Verlässliche Zahlen sind allerdings nicht überliefert. Unklar ist auch, wie viele Geschwister das Kindesalter überlebt haben. Der Anteil dürfte jedoch kaum höher als bei 50 % gelegen haben. Für uns ist heute beides nahezu unvorstellbar, sowohl die hohe Kinderzahl, als auch die ständige Präsenz des Todes

Eine schwere Kindheit

Johann Wilhelm entstammte der zweiten Ehe des Vaters, der Ehe mit Christina geb. Braches. Er verlor seine Mutter allerdings bereits im Alter von vier Jahren bei der Geburt eines weiteren Geschwisterkindes. Man muss annehmen, dass die Zeit seiner Kindheit nicht leicht und sorgenfrei gewesen ist, haben doch alle Kinder sicherlich mit zum Lebensunterhalt beitragen und den Vater bei seinen vielfältigen Verpflichtungen in der evangelisch-lutherischen Gemeinde als “Opfermann”, Schuldiener und Organist unterstützen müssen.
Das Geburtshaus von Johann Wilhelm Wilms Ende des 19. Jahrhunderts.
Er war zu täglich 7 Stunden Schulunterricht, zu allen Küsterdiensten in der Kirche, zum Orgeldienst daselbst und zum Eintreiben der Naturalrenten für den Pastor und sich verpflichtet. Wie wenig ideelle und vor allem materielle Anerkennung mit diesem Amte verbunden war, erkennt man unschwer an dem umstand, dass die Familie gezwungen war , zur Sicherung selbst eines bescheidenen Lebensunterhalts obendrein noch einen Kramladen zu führen.Erinnerungstafel am Geburtshaus in Witzhelden, heute Am Markt 22.

Das Geburtshaus von Johann Wilhelm Wilms Ende des 19. Jahrhunderts.
In diesem Haus befand sich die alte Dorfschule von Witzhelden.
Im Jahre 1686 kaufte die Kirchen- gemeinde dieses Anwesen von dem Ackermann Johann Peter Tesche für 237 Reichstaler.
Wie Wilms`Vater, so hatten auch die anderen Lehrer dieser Schule einige Nebenämter wie Küster und Landwirt.


Musikalische Ausbildung durch Vater und Bruder

Wenn man all dies weiß, muss es umso mehr verwundern, dass für den lange Zeit allein erziehenden Vater noch Zeit blieb, die musikalische Ausbildung zumindest zwei seiner Kinder selbst vorzunehmen. Ja, darüber hinaus wird sogar von täglichen Musizierstunden im Schulhaus berichtet. Johann Wilhelm und sein älterer Bruder Peter Johann sind von ihrem Vater in den Fächern Musiktheorie und Klavierspiel immerhin so weitgehend unterwiesen worden, dass sie als Musiklehrer und Organist ihren Beruf ausüben konnten.Späterhin wird auch der ältere Peter Johann, der schon in jungen Jahren als Organist und Lehrer in Elberfeld ansässig wurde, an der Ausbildung seines Bruders Johann Wilhelm mit beteiligt gewesen sein und so den Unterricht des Vaters und die ergänzenden theoretischen Unterweisungen des örtlichen Dorfpfarrers begleitet haben.

Als Jugendlicher verlässt er WitzheldenZeichnung des Geburtshauses von Johann Wilhelm Wilms, die alte Schule des Kirchspiels Witzhelden 1686 - 1840

Der genaue Zeitpunkt, zu dem Johann Wilhelm, noch als Jugendlicher, Witzhelden verließ, um sich zunächst in Lüttringhausen als Privatmusiklehrer niederzulassen, ist nicht bekannt. Der frühere Witzheldener Pfarrer und väterliche Freund war dorthin berufen worden und hat wahrscheinlich seine Entscheidung, das elterliche Schulhaus zu verlassen, beeinflusst. Wilms muss sich jedoch schon recht bald entschlossen haben, seinem Bruder Peter Johann nach Elberfeld zu folgen.
Im Vergleich zu Witzhelden mit seinen damals ca. 900 Bewohnern wird Wilms Elberfeld mit insgesamt 20.000 Einwohnern großstädtisch vorgekommen sein und wohl auch falsche Erwartungen in ihm geweckt haben, was seine Entwicklungsmöglichkeiten als Musiker betrifft. Immerhin hatte er Gelegenheit, sich dort neben seiner Klavierlehrertätigkeit in den Fächern Querflöte und Komposition zu vervollkommnen.

 

Aufbruch nach Amsterdam

Ein ausgeprägtes Musikleben mit Konzertveranstaltungen und Möglichkeiten zu geistigem Austausch mit anderen Künstlern suchte Wilms hier allerdings vergebens. Öffentliches Musikleben war, soweit überhaupt vorhanden, kirchlich dominiert, darüber hinaus gehendes freies künstlerisches Schaffen als emanzipathorisch von der Obrigkeit verpönt. Allein in einzelnen aufgeschlossenen Bürgerhäusern wurde Kammermusik gepflegt und Wilms die Gelegenheit gegeben, als Klavierlehrer ein bescheidenes Auskommen zu finden.
Dies kann Wilms als Lebensperspektive nichtgenügt haben, so dass er im Frühsommer des Jahres 1791 nach Amsterdam aufbrach. Seine Wahl fiel keineswegs zufällig auf Amsterdam, bestanden doch zu dieser Zeit vielfältigste Beziehungen zwischen dem Bergischen Land und den Niederlanden. Etliche Gelehrte, Künstler und zahlreiche Kaufleute waren bereits vor Wilms dorthin ausgewandert. Dies hat zu einem regen Handelsaustausch zwischen den beiden Regionen geführt. Deshalb war seine Reise offensichtlich gut vorbereitet und die Risiken durch Empfehlungen und Ratschläge Elberfelder Freunde gemindert.

Heirat und Familiengründung

In Amsterdam angekommen, fand Wilms sich bald in den Zirkeln angesehener Komponisten und Musiker zurecht und verstand es, sich als Flötist in verschiedenen Orchestern, als Klaviersolist und als Lehrer ambitionierter Studenten einen Namen zu machen. Diese rasche Anerkennung und seine zunehmenden Erfolge als Komponist veranlassten ihn schon nach kurzer Zeit, sich endgültig hier niederzulassen. 1805, im Alter von 33 Jahren, heiratete er seine vierzehn Jahre jüngere Klavierschülerin Nicoletta Theodora Versteegh (aus der Heiratsurkunde im Archuv der Stadt Amsterdam ist interessanter Weise zu entnehmen, dass vermutlich falsche Angaben gemacht wurden, um den großen Altersunterschied um drei Jahre zu verringern). Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Eines verstarb bereits im Alter von zwei Jahren. Seine Frau Nicoletta starb im Jahr 1821, also lange vor ihrem um vieles älteren Mann

Trio für Klavier, Violine und Violoncello - Deckblatt des erstdrucks 1799.


Gesellschaftliche Anerkennung

Wilms hohe gesellschaftliche Anerkennung dokumentiert sich in seiner Zugehörigkeit zu verschiedenen Institutionen des öffentlich kulturellen Lebens der Niederlande. So wurde er in das Koninklijk Instituut van Wetenschappen, Letterkunde en Schoone Kunsten (Königliches Institut der Wissenschaften, Literatur und Schönen Künste) berufen. Darüber hinaus war er in der Maatschappij tot Nut van`t Algemeen (Gesellschaft zum Nutzen der Allgemeinheit) und in der Maatschappij tot bevordering der Tonkunst (Gesellschaft zur Förderung der Tonkunst) tätig.
Trotz hoher gesellschaftlicher Wertschätzung müssen Wilms die Grenzen seiner Einflußmöglichkeiten an einem ihm besonders am Herzen liegenden Projekt schmerzlich bewußt geworden sein. Mit seinen Kollegen Fodor, De Vos und Den Tex war er lange bemüht, ein Amsterdamer Konservatorium nach dem Vorbild des Berühmten Pariser Conservatoire zu gründen.
Die Lehrpläne waren bereits ausgearbeitet, die erforderlichen Stellenbesetzungen begründet und die Organisationsstruktur, durchaus vergleichbar unseren heutigen Instituten mit kollegialen Leitungsgremien, vorbereitet. Leider wurde dieser zukunftsweisende Plan in politischen Auseinandersetzungen zerredet.Als Ergebnis wurde schließlich eine kümmerliche kleine Musikschule gegründet, die mit den ursprünglichen Ideen eines beispielhaften Ausbildungsinstituts nichts mehr gemein hatte. Das von Wilms intendierte Institut wird erst viel später, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gegründet. Woher die Idee und erste Initiative hierzu stammte, dessen ist man sich zu dieser Zeit allerdings nicht mehr bewußt.
Ebenfalls vergeblich, versuchte Wilms europaweit, oder doch zumindest in den Niederlanden, einen gemeinsamen Stimmton für die Orchester einzuführen. Es wird berichtet, daß nicht einmal in einer Stadt, geschweige denn zwischen entfernt liegenden Orten - in Amsterdam stimmen die Orchester etwa 1/2 Ton höher ein als in Paris - Einigkeit zu erzielen war. Da auch heute, 150 Jahre später, über diese Frage weiterhin Dissens besteht, kann das diesbezügliche Scheitern Wilmsscher Bemühungen allerdings nicht verwundern.`Neerlands Volkslied`, die Niederländische Nationalhymne.

Komponist der Niederländischen Nationalhymne

Großes Ansehen, sogar über die Grenzen der Niederlande hinaus, genoss Wilms vor allem aufgrund seines kompositorischen Schaffens. Bekannte Amsterdamer Orchester führten seine Werke auf und für seine Sinfonie in d-Moll wurde er mit einem internationalen Preis ausgezeichnet.
Sein Lied “Wien Neerlandsch Bloed” wurde gar zur inoffiziellen Nationalhymne - wohlgemerkt, komponiert von einem deutschen Einwanderer.
Alle diese aüßeren Ehrungen und Erfolge täuschen allerdings nur wenig darüber hinweg, dass er weiterhin mit harter täglicher Arbeit als Lehrer, Orchesterflötist und der Erledigung oft ungeliebter Kompositionsaufträge sein Brot verdienen musste. “Ich bin nur ein armer musikalischer Tagelöhner”, urteilte er einmal über sich selbst.

Wilms stirbt am 19.Juli 1847

Vermutlich war es diese Erkenntnis, oder auch die Erfahrung persönlichen Leids durch den Tod seiner Frau und eines Kindes, die ihn veranlasste, sich mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben zurück zu ziehen und bei passender Gelegenheit eine Stellung in der Mennonitischen Gemeinde “Het Lam” anzunehmen . Dort wirkte er vom Jahr 1823 an als Gemeindeorganist. Nach über zwanzigjähriger Tätigkeit, im Alter von 73 Jahren, bat er aus Krankheitsgründen um den Abschied in den Ruhestand. In Ermangelung eines geeigneten Nachfolgers wurde ihm dieser allerdings erst ein Jahr später gewährt. Sein Augenlicht war inzwischen nahezu erloschen. Er verstarb in seiner Wahlheimat Amsterdam am 19.Juli 1847 an Altersschwäche. Johann Wilhelm Wilms ist also in den letzten Jahren seines Lebens wieder zum Beruf seiner Vorfahren, ins Organistenamt zurück gekehrt, ob er allerdings jemals seine alte Heimatgemeinde Witzhelden im Bergischen Land wieder aufgesucht hat, ist ungewiss. Belege hierüber finden sich nicht. Er ist nicht verarmt und unbekannt verstorben, wie es das Schicksal manch anderen Tonsetzers gewesen ist. Doch der Zeitgeschmack hatte sich an ihm vorbei weiter entwickelt, so dass er zum Ende seines Lebens nurmehr als der, wie es in einer zeitgenössischen Quelle heißt, “Komponist van het Volkslied (gemeint ist `Wien Neerlandsch Bloed`) te regt beroemde Wilms” (Komponist des Volksliedes zu recht berühmte Wilms) der jüngeren Generation bekannt war.Partiturseite mit Wilms`Handschrift.

Das kompositorische Werk

Das kompositorische Gesamtwerk Wilms`kann man getrost als umfangreich bezeichnen, zumal das Komponieren nie sein hauptsächlicher Broterwerb gewesen und meist auftragsgebunden und unter Zeitdruck stattfand. Wilms selber bezeichnete seine Werke als “lediglich die Früchte der Stunden, die ihm nach seinen vielfältigen und ermüdenden täglichen Arbeiten übrig blieben.”Diese Äußerung entspricht ganz Wilmsscher Bescheidenheit und läßt nicht die tatsächliche Vielfalt seines Schaffens erahnen.

Es umfasst mindestens 22 Kantaten für Soli, Chor und Orchester, - allesamt Gelegenheitswerke und Auftragskompositionen, die anläßlich verschiedenster Feierstunden oder Gedenkfeiern aufgeführt wurden. Einen sehr breiten Raum im Werkverzeichnis nehmen auch die Lieder und Gesänge, vorwiegend mit vaterländisch niederländischen Texten in verschiedener Besetzung, ein. 34 Veröffentlichungen mit oft mehreren Titeln sind hier belegt.

Insgesamt noch umfangreicher ist der Bereich der Instrumentalmusik in Wilms` Schaffen. Allein sieben Sinfonien entstanden in der Zeit von 1801 bis 1836, in denen Wilms einen durchaus eigenständigen Umgang mit den Vorbildern seiner Zeit beweist und persönlichen Stil entwickelt, der ihn vom Makel der zweckgebundenen Gelegenheitskantaten befreit.

 

 

 



Quelle: Heft der Veranstaltungsreihe “Leichlinger Köpfe und Charaktere” der Stadtsparkasse Leichlingen vom November 1995

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