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Wenn man heute Witzheldener Jugendliche nach der “Kaiserhalle” befragt, wird es wohl oft ein staunendes Kopfschütteln geben. Das ist nicht verwunderlich, denn die Kaiserhalle als Gaststätte gibt es nicht mehr. Umso wichtiger ist es, an dieses prägende Gebäude in Witzhelden zu erinnern, denn es hat eine Geschichte zu erzählen...

Die Geschichte der Gaststätte „Zur Kaiserhalle“ in Witzhelden

Von Karin Unshelm

Man könnte meinen, der Gasthof „Zur Kaiserhalle“ ist ein Gasthof in Witzhelden wie andere auch, aber die Kaiserhalle ist eng mit der Witzheldener Bevölkerung verbunden. Zum Ausdruck gebracht wurde dies ganz deutlich beim tragischen Ende der Traditionsgaststätte am 1. Juli 1994.

Ein verheerender Brand vernichtete in Kürze, was Generationen zuvor aufgebaut hatten und viele Bürger standen tief bewegt vor den Trümmern, keine Gaffer wie sonst üblich, sondern Menschen, die, man kann sagen, so etwas wie Abschied nahmen.

Baubeginn im Jahr 1878

Begonnen hat es mit dem Antrag auf Bauerlaubnis am 29. Januar 1878. Der Besitzer der Parzelle Flur 8 Nr. 437 und Nr. 443, C. Aug. Schmidt, stellt bei der Gemeinde folgenden Antrag auf Bauerlaubnis:

Bauantrag„Witzhelden, den 29. Januar 1878

Herrn
Bürgermeister Voswinkel
Wohlgeboren
Hierselbst

Da ich beabsichtige auf meinem Hofraum respektive Hausgarten, Flur 8 Nr. 436 und dem von Gottfried Pulvermacher erworbenen Parzelle Flur 8 Nr. 437 und Nr. 443 im Laufe dieses Jahres ein Tanzlokal incl. Wohngebäude zu errichten von 30,20 m Frontlänge 14,13 m Giebelbreite, die Höhe der Etage des Wohngebäudes beträgt 3 mtr. 70, des Tanzlokales 5,35 m. In der Wohnung befinden sich 7 Zimmer und der Hausflur.
Der Bau wird in Holzfachwerk ausgeführt und mit Schwemmsteinen ausgefüllt, das Dach wird mit Ziegeln gedeckt. Ich reiche hiermit Bau und Situationsplan ein und bitte Euer Wohlgeboren um die erforderliche Erlaubnis und zeichne mit

Hochachtung
C.Aug. Schmidt“

 

Nur einen Tag später, am 30. Januar 1878 erhielt Herr Schmidt von Bürgermeister Vosswinkel die Genehmigung:

„Akte Nr. 347:
30.1.1878, Nr. 98

Antrag des C. Aug. Schmidt zur Erteilung der Bauerlaubnis eines Tanzsaales und Wohngebäude.
Witzhelden, den 30. Jan. 1878
Bürgermeister an den Antragsteller unter Wiederanschluß eines Exemplars des Situations- und Bauplans, sowie der nebigen Beschreibung mit dem Bemerken zurück, dass die nachgesuchte Erlaubnis zu dem beabsichtigten Neubau eines Wohnhauses mit Tanzsaal in den Grenzen der angegebenen Dimensionen unter Vorbehalt der Rechte dritter hiermit erteilt wird.
Diese Erlaubnis verliert ihre Gültigkeit, wenn innerhalb Jahresfrist mit der Bauausführung nicht begonnen wird.

Der Bürgermeister
Voswinkel“

Noch im gleichen Jahr wurde die Baumaßnahme begonnen und abgeschlossen. Die Eröffnung der Gaststätte „Zur Kaiserhalle“ fand statt.

Das Vereinslokal des Turnvereins

Das Lokal wurde von der Bevölkerung gut angenommen und einige Jahre später, 1884, gründeten einige Witzheldener Bürger unter Regie des Lehrers Julius Kocks den Witzheldener Turnverein. Man folgte der Turnbewegung des Turnvaters Jahn. In den Statuten heißt es unter § 1:

„Der Zweck des Witzheldener Turnvereins soll der sein; durch körperliche Übungen und freie Unterhaltungen in Versammlungen ein gesellschaftliches Zusammenhalten der Mitglieder zu fördern und sie körperlich und geistig tüchtig zu machen. „

Das Interesse an den sportlichen Aktivitäten schien in Witzhelden sehr groß zu sein, wenn man bedenkt, dass die damalige Einwohnerzahl bei ca. 2000 lag und hiervon 83 Bürger als Gründungsmitglieder die Statuten unterschrieben.

Als Vereinslokal wurde die Kaiserhalle benannt. Im Saal fanden die regelmäßigen Turnabende statt. Die Gerätschaften wurden dort aufgehoben und die Vereinsfahnen hingen in der Kaiserhalle. Nach den Leibesübungen ging man nach nebenan in den Gastraum und pflegte bei einem oder mehreren Bieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Schauturnen in der Kaiserhalle

Ein Plakat vom 3. November 1888 zeigt, dass das Können der Turner auch der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Es fand ein Schauturnen in der Kaiserhalle statt, zu dem die Bevölkerung bei freiem Eintritt eingeladen wurde.

Bei dörflichen Festen war die Kaiserhalle ein fester Bestandteil, so fand u.a. am 21.August 1898 ein Stiftungsfest des Turnvereins und am 15. Juni 1900 ein Konzert zur Finanzierung der Kirchenorgel statt.

Anfang des 20. Jahrhunderts erweitert C. Aug. Schmidt die Kaiserhalle um eine Kegelbahn. Es muss aber kurz danach zu einem Besitzerwechsel gekommen sein, denn in alten Bauunterlagen findet sich ein Baugesuch einer Abort-Pissoir-Anlage für die Gaststätte im Namen von Herrn Walter Willing, dokumentiert auf den 8. Januar 1909. Im Jahre 1913 wirbt Walter Willing in einer Anzeige mit dem größten Saal am Platz und damit, dass sein Haus das Vereinslokal des Turnvereins Witzhelden ist.

In den Kriegsjahren 1914-1918 brechen für das Dorf Witzhelden schwere Zeiten an, auch rund um die Kaiserhalle gibt es leider keine Aufzeichnungen, erst im Jahre 1926 ist vermerkt, dass die Ehefrau Walter Willing verwitwet ist und in zweiter Ehe einen Herrn Böhm heiratet.

Der neue Besitzer ist dem Turnleben der Gemeinde wohl nicht gut gesonnen. Der Turnverein sucht sich eine neue Bleibe. Scheinbar hatte aber diese Entscheidung keinen guten Einfluss auf das Geschäftsleben der Eheleute Böhm, denn sie verkauften bereits 1927 die Gaststätte an die Eheleute Hermann und Anna Unshelm, geborene Blasberg.

Wirtin “Tante Anna”

Anna Unshelm, genannt „Tante Anna“ sorgte als Wirtin der Kaiserhalle für eine familiäre Atmosphäre. „Tante Anna“ war eine resolute Geschäftsfrau, aber war gleichzeitig herzlich, freundlich und bei allen sehr beliebt.Und so kam auch der Turnverein wieder in die Dorfmitte zurück, ab 1928 war die Kaiserhalle wieder Vereinslokal.

Die Kaiserhalle entwickelte sich auch mehr und mehr zu einem beliebten Ausflugslokal, wie z.B. bei der Karfreitagstour 1929 des Schwimmsportvereins Solingen 02. Sie wurden von Anna und Hermann Unshelm mit einem kräftigen Erbsenessen bewirtet. Besonders willkommen waren Wandergruppen, die sich einfanden, um die Bergische Kaffeetafel zu genießen. Die Bergische Kaffeetafel war so beliebt, dass ein regelrechter Konkurrenzkampf unter den Witzheldener Wirten entstand, jeder bemühte sich die Gäste mit immer mehr Köstlichkeiten der Kaffeetafel zu verwöhnen. Um diesem gegenseitigen Überbieten ein Ende zu bereiten, setzten sich die Wirte dann zusammen und man beschloss, die Anzahl der angebotenen Speisen der Bergischen Kaffeetafel auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Und um dem Ganzen einen offiziellen Charakter zu geben, gründete man einfach einen Verein, den Witzheldener Wirteverein.

In den folgenden Jahren profitieren die Wirtsleute Unshelm vom regen Vereinsleben in der Gemeinde. 1930 wird der Obst- und Gartenbauverein gegründet. Auch Anna Unshelm wird Mitglied und hat trotz ihrer harten Arbeit in der Gaststätte noch Zeit für gärtnerische Tätigkeiten und der Obstzucht. Dies belegt ein Ausstellerverzeichnis des Obst- und Gartenbauvereins von 1948. In der Kaiserhalle findet eine Obst- und Gemüseschau statt und unter den 57 Ausstellern ist auch Frau Anna Unshelm. Sie präsentiert drei Apfelsorten: Früher Viktoria, Kaiser-Wilhelm und eine namenlose Sorte. Gleichzeitig versorgt sie auf diese Weise die Küche der Gaststätte stets mit frischem Obst und Gemüse.

 

 

Metzgerei Unshelm

Doch zurück zu den Anfängen der Eheleute Unshelm. 1932 entschließt man sich, die Gaststätte um eine Metzgerei zu erweitern, Hermann Unshelm erlangte bereits am 25.2.1903 seinen Meisterbrief. Bedingt durch Inflation und Arbeitslosigkeit herrschten schwere Zeiten. So hoffte man, dass mit dem Verkauf von Fleisch und Wurstwaren die Geschäfte aufgebessert werden konnten. Außerdem hatte man so den Zukauf von Fleisch und Wurst für die Gaststätte eingespart und die Belieferung der Küche erfolgte auf kurzem Wege.

Trotz der schweren Zeiten erfreute sich das Lokal bei den Vereinen großer Beliebtheit. Ein kleiner Auszug der Aktivitäten aus den 30er Jahren:

Turnverein Witzhelden – Turnübungen, Vereinsfeiern
Feuerwehr – sonntägliche Löschübungen
Rotes Kreuz /Sanitätskolonne – u. A. Theateraufführungen
Taubenzüchterverein
Wirteverein
Witzheldener Verkehrsverein
u.v.m.

Mit Fug und Recht konnte man von der „Guten Stube“ Witzheldens sprechen.

Nationalsozialismus und Krieg

Die Zeit hielt jedoch auch vor den Toren Witzheldens nicht halt, so zerfiel 1935 der Turnverein, da sich der Deutsche Turnerbund auflöste und sich dem staatlich gelenkten Reichsbund für Leibesübungen unterordnete. 1937 zog in die Kaiserhalle die SA ein, die noch übrig gebliebenen Witzheldener Turner brachten ihre Geräte nach Metzholz und turnten dort weiter. In der Gaststätte „Zur Kaiserhalle“ geht das Leben weiter, man muss sich arrangieren um zu überleben. Es folgt Einquartierung der Wehrmacht aus dem Polenfeldzug, ausgebombte Familienmitglieder aus den umliegenden Städten werden aufgenommen. 1944 wird die Schneiderei Götz aus Düsseldorf aufgenommen.

Briketts für das Wanderkino

Die Kaiserhalle wird zur Aufnahmestation für viele Heimatvertriebene. Doch auch die Freude kam nicht zu kurz, so gastierte während des Krieges 2 x wöchentlich, dienstags und samstags, ein Wanderkino. Die Besucher mussten zu den Vorführungen Kohle, Briketts oder Holz mitbringen, um in den Genuss einer kurzweiligen Unterhaltung zu kommen. Das Kino fuhr bis 1958 Witzhelden an und brachte Unterhaltung und Kurzweil nach Witzhelden.

Vor allen Dingen nach dem Krieg kommen Heimatvertriebene in der Gaststätte und im Saal unter, bis sie eine eigene Unterkunft erhalten.

Doch trotz der vielen Entbehrungen gibt es wieder positive Anzeichen, so gründet sich z. B. der Turnverein 1946 wieder neu. Ganz allmählich spielte das Vereinsleben wieder ein Rolle, die Bürger erfreuten sich an den Bunten Abenden des Turnvereins. 1948 gründete sich im Gesellschaftszimmer der Kaiserhalle die Witzheldener Landjugend mit dem Ziel zur Bildung einer Tanzgruppe. Daraus entwickelte sich 1949 das erste Erntefest in Witzhelden, bis heute das größte Fest im Jahr.

Gertrud und Fritz Unshelm

Die Eheleute Unshelm hatten zwei Söhne, Karl und Fritz. Es war geplant, dass Karl die Gaststätte und Fritz die Metzgerei übernehmen sollte. Doch Sohn Karl fiel im Krieg und so übernahm Fritz mit seiner Frau Gertrud Lokal und Metzgerei.

Im Laufe der Jahre waren die gute Küche und die Metzgerei über die Grenzen Witzheldens bekannt geworden. Überaus beliebt waren Schnitzel und Rumpsteak aus der gusseisernen Pfanne, wo Gertrud Unshelm unermüdlich für Nachschub aus der Küche sorgte.

Karneval in der Kaiserhalle

Mittlerweile blühte das Vereinsleben wieder und obwohl das bergische Land nicht zu den karnevalistischen Hochburgen zählt, wurde auch in der Kaiserhalle Karneval gefeiert. Am 16. Februar 1952 fand die erste Karnevalssitzung mit den Altstadt Funken aus Opladen statt. Sogar bekannte Kölner Karnevalisten traten bei den Feiern auf, so z. B. Karl Berbuer und die vier Botzen. An diesen Aktivitäten war der Turnverein Witzhelden maßgeblich beteiligt und es sollten noch viele folgen. Der Turnbetrieb in der Kaiserhalle genügte jedoch nicht mehr den Ansprüchen des mittlerweile gewachsenen Vereins. So wurde der Sportbetrieb 1959 in der Kaiserhalle eingestellt. Der Turnverein hatte nun die Möglichkeit, in einer richtigen Sporthalle der Volksschule Witzhelden zu trainieren.

Hans-Jürgen und Winfried für Gaststätte und Metzgerei

Doch dies hatte auch für den Saal der Kaiserhalle Folgen. 1961 wurde ein Teil des Saales abgerissen und 1962 die Schlachterei der Metzgerei Unshelm neu gebaut. Die Söhne von Gertrud und Fritz Unshelm, Hans-Jürgen und Winfried, arbeiteten jetzt im Geschäft mit. Winfried hatte bereits mit 23 Jahren, am 5.2.1960, seinen Meister im Metzgereihandwerk erlangt und war der jüngste Metzgermeister im damaligen Rhein-Wupper-Kreis.

Die nächste Generation übernahm die Geschäfte und Geschicke der Gaststätte und Metzgerei mitten im Dorf. Hans-Jürgen übernahm die Gaststätte und Winfried die angrenzende Metzgerei.

1967 feierten die Eheleute Gertrud und Fritz Unshelm 40jähriges Jubiläum der Kaiserhalle.

Diskothek “Old Joe”

Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Kaiserhalle immer mehr zu einem Treffpunkt der Witzheldener Jugend. Es begann wieder eine Zeit der Veränderungen und des Aufbruches. Um die Jugend am Ort zu halten und ein interessantes Unterhaltungsangebot zu schaffen, wurde freitags und samstags der Saal zur Diskothek umfunktioniert. Unter Bezugnahme seines Spitznamens nannte Hans-Jürgen Unshelm die Diskothek „Old Joe“. Jetzt erschall eine neue Musik durch die alterwürdigen Räume. Auch Billard- und Flipperkugeln ließen ihren Klang ertönen. Unterstützung fand der junge Gastronom in seiner Mutter. Gertrud Unshelm stand Tag für Tag an seiner Seite und war unermüdlich im Einsatz.
Nicht nur für Hans-Jürgen und Winfried Unshelm war sie die Mutter. Auch für die Witzheldener Jugend hatte sie stets ein offenes Ohr und wurde von allen liebevoll “Mutter” genannt.

Brand Katastrophe am 1.Juli 1994

Generationen hätten hier noch essen und trinken, lachen und feiern können, wenn nicht die Katastrophe am 1. Juli 1994 geschah – die Kaiserhalle brannte ab.

Die Feuerwehren kämpften mit den Flammen, der Dachstuhl wurde komplett zerstört.

Nach dem Brand wurden Überlegungen angestellt, ob die Gaststätte wieder aufgebaut werden kann, aber es stellte sich heraus, dass ein Wiederaufbau nicht mehr in Frage kommen konnte.

Wohnhaus mit Praxis

Die alte ehrwürdige Kaiserhalle musste abgerissen werden. Jetzt steht an gleicher Stelle ein Wohnhaus mit Zahnarztpraxis im Erdgeschoss. Statt Bier gezapft werden jetzt Zähne gezogen.

Bereits im selben Jahr fand der Brand beim Erntedankfestzug Erwähnung in Form des Mottowagens: “Seit die Kaiserhalle brannte nieder, ist Witzhelden in der Steinzeit wieder!“

 

Und auch nach 10 Jahren hatten die jungen Sportler des Turnverein Witzhelden „ihre“ Kaiserhalle nicht vergessen. Beim Erntedankfestzug 2004 erlebte die Gaststätte „Zur Kaiserhalle“ eine Würdigung in Form eines Mottowagens: „Witzheldens alte Kaiserhalle war früher Sportpalast für alle“.

 

 

Die Gaststätte „Zur Kaiserhalle“ ist nunmehr ein Teil der Witzheldener Geschichte, so wie vieles andere auch – unvergessen.

 

Quellen:

Stadtarchiv Leichlingen
Festschrift 100 Jahre Turnverein Witzhelden
Familie Unshelm

 

 

 

 

 

 

 

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