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Eine der ältesten Ortschaften

Flamerscheid gehört zu den ältesten Ortschaften Witzheldens. Die Bezeichnung Flamerscheid leitet sich vermutlich von dem einstigen Rittersitz Flamersheim, dem heutigen Herscheid ab. Nachzulesen in Straßen und Ortschaften in Leichlingen von 1998 kann aber auch die Bezeichnung von Scheid, ald. Scede = Ende, Grenze, Wasserscheid der Namensgeber sein, evtl. auch der Begriff der Urbarmachung, Rodung. Da im Namen “Flamer” das Wasserwort “Flam” = Schlick, Morast zufinden ist, wäre hier evtl. eine Erklärung möglich, dass morastiges Gebiet urbar gemacht wurde. Aufgrund des hohen Grundwasserspiegels ist dies eine plausibele Erklärung.

Der Alte Hof

Urkundlich erstmalig erwähnt ist Flamerscheid 1405. Der Alte Hof soll einem Edeln Ullrich von Hemmersbach gehört haben, welcher diesen nach 1150 dem Zisterzienserkloster Himmerode schenkte. Die Schenkung belegt die Bulle Lucius III. vom 14.10.1184.

(Original im Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 96, Nr. 27)

Von diesem Edlen von Hemmersbach hat vermutlich auch der Bach seinen Namen erhalten- Hemmersbach oder heute Hammersbach, der in Höhe der Kläranlage an der Straße in Richtung Glüder in den Sengbach mündet.

Flamerscheid war dem Grafen von Berg zinspflichtig, lt. Hebebuch von Haus Nesselrath aus dem Jahre 1605 steht wörtlich:
“Peter, und Peters, auch Daem zusammen von dem gutt zu flamerscheidt und hanacker (Hanacker= eine Flurbezeichnung) 2 mlr. 3 sbrj.”
In den Aufzeichnungen von W. Ohligschläger wird 1643 in Flamerscheid ein Paulus erwähnt und im Burger Lagerbuch von 1690 geht hervor, daß Abgaben an die Kellnerei in Burg gezahlt werden mußten.
Wörtlich steht dort: “Uff Flamerscheid der Pickelein, Paulus allda Gradt Tesche und Everts Gridgen – 2 Huner und 2 Raderschlg.”
(Raderschlag kommt aus der Mainzer Münze, in Anlehnung an das Mainzer Wappen mit dem Rad)

Die Ortsbezeichnung Flamerscheid ist zur damaligen Zeit sowohl in der Schreibweise mit “doppel M” und “DT” sowie in der heutigen Schreibweise in den Urkunden anzutreffen. In den Ohligschlägerschen Aufzeichnungen ist unter dem 12.3.1710 eine Mitteilung zu finden, daß ein Johann Georg Killing und Miterben Eigentümer des freien Gutes Flamerscheid sind. Eine Notiz aus dem Jahre 1714 sagt mehr. Hier wird erwähnt, daß der Hans (oder Johann) Georg Killing von dem Bürgermeister von Burg Joh. von Hagen, Geld aufnimmt, und dafür sein freies Gut, der “Alte Hof” genannt, verpfändet. Diesen Hof hätte er von seinen Eltern, resp. Schwiegereltern, die ihn von dem abgelebten M. v. Hüking (Besitzer des Rittergutes Bechhausen) gekauft hätten, erhalten. Flamerscheid gehörte demnach von 1714 zum Rittergut Bechhausen, war also in adeligem Besitz. Wie bekannt ist, waren die ersten Besitzer von Bechhausen die Herren von Quad. Hat das Kloster Himmerod sein Eigentum in Witzhelden, evtl. der großen Entfernung wegen, nicht wie vermutet dem Kloster Heisterbach, sondern an die von Quad verkauft?

In einer Herscheider Urkunde vom 27.2.1732 wird ein Mönchsgut Flamerscheid erwähnt, welches an Herscheid zu Martini ein Huhn geben mußte. Herscheid war ebenfalls Rittersitz. Eine weitere Aufzeichnung besagt, daß im Jahre 1751 der freie Hof Flamerscheid einem Wilhelm Küpper gehörte und 19 Morgen groß war; 1795 heißt es aber wieder Killingsgut, ebenfalls 19 Morgen groß. Hier handelt es sich offenbar um den gleichen Hof, denn eine Catharina Küpper hat 1755 Johann Peter Killing geheiratet, der ein Sohn des Hans Georg Killing war.

Vater versucht Sohn vor dem Militär zu bewahren

Nachstehende Begebenheit spiegelt die sozialen und politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit wider: “Am 12. Juli 1808 hatten 16 west- und süddeutsche Staaten den “Rheinbund” geschlossen und sich damit in die Abhängigkeit Napoleons gegeben. Sie verpflichteten sich, im Falle eines Krieges 63.000 Mann für Napoleon zu stellen.

Der Landmann Johann Peter Meyer aus Flamerscheid versuchte, seinen einzigen Sohn vor der Einziehung zum Militär zu bewahren. Er schrieb:

“Großherzogtum Berg
Bezirk Mülheim, Amt Miselohe.
Kierspiel Witzhelden, Ortschaft Flamerscheid.

Der Landmann Johann Peter Meyer
die körperlichen Mängel seines Sohnes Jakob, gebohren im Jahre 1789
demüthigst der Verehrtesten Rekrutierungsbehörde anzeigend.
den, October 1808.
Der Landmann Johann Peter Meyer an die geehrteste Rekrutierungs Behörde.

Die Conscriptions Gesetze fordern jeden Vater auf, die körperlichen Fehler seiner conscriptionspflichtigen Söhne anzuzeigen.
Ergebenst zeige ich daher an, daß mein Sohn Jakob, 1789 geboren, vor ungefähr 3 ½ Jahre eine schwere Krankheit ausgestanden hat. Als derselbe durch Hülfe des Arztes von derselben zu geneßen anfing, warf sich ihm ein Geschwür unter der Schulter aus, es dauerte 1 ½ Jahre, ehe dasselbe heilte, und kaum war es heil, so fand sich ein neues am Unterleibe. Vor ungefähr einem Jahr wurde zwar auch dieses durch angewandte Bäder heil, allein seitdem drücken ihn sehr oft solche fürchterlichen Schmerzen im Unterleibe, daß er auch nicht die geringsten Arbeiten verrichten kann. Sind diese Schmerzen überstanden, alsdann schwellen ihm die Beine auf. Meine demüthigste Bitte ergeht daher an Ew. Wohlgeboren den Arzt bey den vorsehenden Ziehung von diesen körperlichen Mängeln in Kenntniß zu setzen, damit derselbe seinen Zustand gehörig untersuche und Beurtheile, ob derselbe sich zum Militärdienste eigne oder nicht. Es würde ein großes Glück für mich seyn, wenn dieser mein einziger Sohn bey meinem eigenen körperlichen Anstande zu meiner Landwirthschaftlichen Arbeiten mir belassen würde, indem ich sonst nicht weiß. wie ich meine beyden alleine unerzogen Mädchen ernähren soll, da dieser mein Sohn jetzt die einzige Stütze meiner Familie ist.

Ich beharre indeß verehrungsvoll

Ew. Wohlgeboren
ergebenster
Johann Peter Meyer.

Dieser Brief brachte jedoch nicht den gewünschten Erfolg, da der Vater bereits im Dezember Briefe an Seinen Sohn Herrn Jacob Meyer, Chasseur in der 7ten Compagnie a Münster schickte.”

1829 gab es schon 13 Häuser

Im Laufe der Jahre ist das Gut unter Kinder und Kindeskinder aufgeteilt worden. Nach der Urkarte von 1829 standen schon 13 Häuser in Flamerscheid. Das Killingsgut gehörte Bertram Killing und seiner Frau Anna Maria geb. Bergfeld, Tochter des Johann Jacob Bergfeld aus Flamerscheid. Nach acht Jahren Ehe starb Anna Maria Killing an den Folgen eines Sturzes vom Kirschbaum. Bertram heiratete 1811 zum zweitenmal, und zwar die Anna Margaretha Aßmann aus Bern. Bertram Killing starb am 8.10.1837. Neben der Landwirtschaft betrieb er in einem Nebenhaus eine Knochenmühle, wahrscheinlich von Körperkraft – Mensch oder Tier – betrieben.

Mit Erbvertrag vom 13.10.1854 wurde der Besitz unter Bezugnahme auf einem am 20.10.1852 erstellten Situationsplan unter seine drei Kinder aufgeteilt.

Die Abteilung I bekam der Sohn Heinrich. Es handelt sich hier um das jetzige Haus Nr. 13.

Die Abteilung II erhielt die Tochter Henriette, verheiratet mit Gottfried Pulvermacher. Dies ist die heutige Haus Nr. 15.

Die Abteilung III wurde an die Tochter Carolina Killing vergeben. Dies sind die heutigen Häuser Nr. 9 + 11.

Bei der Aufteilung des Hauses handelte es sich noch um ein Haus, hier war wohl auch die Knochenmühle untergebracht.
Jedoch veräußerte Carolina Killing bereits vor 1864 das Anwesen an die Eheleute Eduard Adolphs und Ehefrau Anna Margaretha geb. Hermanns, denn lt. Vertrag vom 21.8.1864 verkauften die Eheleute Adolphs ihr Haus an die Gebrüder August und Gustav Steffens, wohnhaft in Scharweg und Flamerscheid. Im Vertrag vom 26.10.1866 wurde das Haus in zwei gleiche Teile geteilt und später verkauft. Vermutlich wurde durch die Teilung auch der Betrieb der Knochenmühle eingestellt.

Haus Nr. 9 wurde von Gustav Steffens am 24.7.1885 an August Hoppe verkauft.

Haus Nr. 11 wurde von der Fam. Steffens an Reinhard Berger verkauft – leider ist der Zeitpunkt nicht bekannt -. Berger verkaufte 1918 an Reinhard Wiedenhoff.

Flamerscheid Haus Solinger Str. Nr. 38

Im Jahre 1832 standen in Flamerscheid 17 Wohnhäuser, hierin lebten 28 Familien. Unter anderem auch das Haus an der Solinger Str. 38 – das Gründerhaus der Gebr. Wiedenhoff.

Der Haupterwerb war die Landwirtschaft, als Nebenerwerb wurde die Knochenmühle – bereits erwähnt – und eine Grützmühle, der Standort ist leider nicht näher erwähnt, betrieben. Es gab auch Weber und Holzschuhmacher.

Wasserversorgung durch Brunnen

Noch heute zu besichtigender Brunnen in Flamerscheid, Solinger Str.38.

Bis zum Jahre 1897 erfolgte die Wasserversorgung in Flamerscheid durch eigene Hausbrunnen, von denen heute noch einige Intakt sind
(Haus Nr. 13 und Nr. 38).
1897 wurde eine eigene Wasserversorgungsanlage gebaut. In der Feldflur “Ober Siepen”, rechts der heutigen Glüderstraße gelegen, wurde eine Quelle eingefaßt und ein Pumpenhäuschen gebaut. Die Wasserleitungen wurden durch die Gemeinde Witzhelden verlegt und waren am 30.12.1898 in den meisten Ortschaften abgeschlossen. Mit Zunahme der Einwohnerzahl reichte die Kapazität der Anlage bald nicht mehr aus, man entschloß sich dem Wasserversorgungsverein Witzhelden beizutreten, dies geschah am
28.10.1960.

Mitte der zwanziger Jahre erhielt Flamerscheid elektrisches Licht, wogegen Witzhelden bereits seit 1904 mit Elektrizität aus der Wersbacher Mühle versorgt wurde.

Landwirtschaft, Obstanbau und Heimarbeit

Durch Flamerscheid führte nur ein ausgefahrener Feldweg, d. h. es herrschten mehr als schlechte Straßenverhältnisse. Um dies zu ändern lud Bürgermeister Marquardt am 11.9.1923 die Grundbesitzer zu einer Besprechung ein. Es betraf die Abgabe von Grund und Boden für den Wegebau. Es waren alle einverstanden, wenn nur die Obstbäume geschont wurden, da der Obstanbau eine zusätzliche Erwerbsquelle war, das Obst wurde in den benachbarten Städten verkauft. Der Ausbau des Weges verzögerte sich noch bis Juni 1926 und erfolgte dann nur in einer Länge von 250 mtr., Breite ca. 5 meter einschl. Graben, Kosten hierfür 2849,50 RM.

Der Weg bestand nur aus einer ca. 3,5 mtr. breiten Schotterdecke, an beiden Seiten ein ca. halbmeter breiter Graben. Später wurde die Straße dann um 350 mtr. verlängert, etwa bis zur heutigen Tennisanlage. Die Kosten hierfür betrugen 4.227,-- RM. Ausgeführt wurden die Arbeiten von Fa. Pulvermacher.

Neben der Landwirtschaft und dem Obstanbau waren bis Anf. der 70ziger Jahre auch noch Schleifer in Heimarbeit für die Solinger Schneidwarenindustrie tätig. Ein Kotten ist heute noch in der ursprünglichen Bausubstanz erhalten, ein zweiter Kotten ist zwischenzeitlich vollständig umgebaut worden, jedoch an alter Stelle, es handelt sich um das Nebengebäude von Haus-Nr. 11. Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite steht der äußerlich noch erhaltene Schleiferkotten, gehörend zu Haus-Nr. 14.

Heute ist Flamerscheid eine reine Wohnsiedlung, wozu auch der 1975/76 erbaute, 130 mtr. hohe Fernmeldeturm steht, im Volksmund “Rich” genannt – nach Richard Claasen, einem Witzheldener Original. Der Namen wurde in einem Wettbewerb zur 800-Jahr Feier 1984 ermittelt.
(Siehe hierzu Solinger Tageblatt vom 9.10.1984)

Schule Flamerscheid

Nicht unerwähnt darf die Schule Flamerscheid bleiben. Der erste Bauabschnitt erfolgte 1953, Kosten ca. 200.000,-- DM. 1959 wurde der zweite Bauabschnitt mit angegliederter Turnhalle abgeschlossen und am 9.6.1966 konnte beim dritten Abschnitt der Richtkranz hochgezogen werden.

Zu diesem Zeitpunkt gingen 238 Schüler in Flamerscheid zur Schule. Der neue Bau wurde am 18.11.1967 eingeweiht.

Im gleichen Jahr wurde aber auch durch den Kreis die Fusion mit der Leichlinger Hauptschule Büscherhof angeordnet. So wurde die Schule zweigeteilt, die Grundschule eigenständig in Witzhelden, die Hauptschule Zweigstelle der Hauptschule Büscherhof. Ab dem Schuljahr 1970/71 wurde die Zweigstelle geschlossen und alle Witzheldener Hauptschüler wurden nach Leichlingen zum Unterricht gefahren.

Gleich hinter der Schule liegt der ev. Kindergarten. Auch dieses Gelände zählt noch zum Gebiet Flamerscheid. In der Sitzung des Presbyteriums vom 1.10.1971 wird beschlossen einen neuen Kindergarten zu errichten. Baubeginn war am 1.10.1972 auf der Gelände der Kirche in Flamerscheid.

Zur Ortschaft Flamerscheid gehört natürlich auch der Sportplatz, mit Sporthalle und Tennisplatz. Der Sportplatz wurde bereits 1935 angelegt, jedoch war das Spielfeld um 90° zum jetzigen Feld versetzt angelegt. In den Jahren 1971, 1980 und 1999 wurde dann erweitert, um- und ausgebaut, so daß heute für den sportlichen Bedarf der Witzheldener ausreichend Deckung besteht.

Quelle: Land an Wupper und Rhein, Heimatkalender 1956

Tirol, das liegt doch eigentlich in Österreich?

Das ist sicherlich richtig, aber in WitzheldenHaus Tirol um 1930. gibt es auch eine Ortschaft, die den gleichen Namen trägt. Tirol in Witzhelden bestand und besteht nur aus einem Wohnhaus mit Nebengebäuden. Dieses Wohnhaus wurde im Jahre 1919 von Martin Rombach errichtet und der beantragte auch die entsprechende Namensgebung.


Die Ortslage wurde wegen des Höhenrückens mit seinen eingeschnittenen Tälern umgangssprachlich allgemein “Schweiz” genannt und Rombach hielt den Namen Tirol für ebenso schön und passend: “Was meine Person anbelangt, so soll es meine Aufgabe sein, den Ort, soweit er mir gehört, so auszubauen, dass er den Namen “Tirol” mit Stolz tragen darf.”
Dieser Meinung war auch der Rat der Gemeinde Witzhelden und genehmigte die Namensgebung

Hier lebte der Fahrer des letzten Deutschen Kaisers

 

Kaiser Wilhelm II. und Kaiser Karl von Österreich, rechts Fritz Schwarz.

 

 

 

 

 

1928 kaufte das Ehepaar Schwarz das Anwesen. Fritz Schwarz war Fahrer des letzten Deutschen Kaisers, Wilhelm II. Nach dessen Abdankung 1919 führte Fritz Schwarz mit seiner Frau Martha ein Kinderheim in Holthausen bei Schalksmühle. Als Altersruhesitz kaufte er dann Haus Tirol. Im Jahre 1960 verkauften die Schwarz dann Haus Tirol und zogen in den Ortskern von Witzhelden. Das Haus wurde dann von den neuen Eigentümern vollkommen umgebaut.

Bis in die 70er Jahre hinein konnten sich die Witzheldener in ihrem eigenen Waldschwimmbad in Wersbach vergnügen. Dann wurde das Bad wegen verschlechterter Wasserqualität geschlossen. So mancher Witzheldener hat hier das Schwimmen gelernt.

 

 

 

 

 

Wenn das Wetter gut war, traf sich die ganze Witzheldener Jugend im Schwimmbad Wersbach. Ein Holzbalken trennte den Schwimmer vom Nichtschwimmer-Bereich. Ein paar Fadenalgen im Wasser oder auch mal ein Fischchen als Tauchnachbar störte niemanden
Diese Aufnahme wurde Anfang der 60er Jahre gemacht..

Der Campingplatz Wersbach liegt auf der an- deren Seite der Straße, die am ehemaligen Schwimmbad, jetzigem Fischteich, vorbeiführt. Die Wälder laden zum Wandern ein.

Die Wersbacher Mühle

In einem kühlen Grunde....

dieses alte Volkslied, auch heute noch gesungen, weckt Erinnerungen an Relikte der Vergangenheit, an plätschernde Bäche und längst verfallene Mühlen.

Den älteren Generationen mag noch das Erlebnis einer laufenden Wassermühle im Gedächtnis sein, die in den Bachtälern beim Wandern zum Verweilen einluden.

Eine dieser Mühlen war die im Wersbachtal in Witzhelden gelegene und erstmalig im Jahr 1496 im Zuge von Erbstreitigkeiten erwähnte Wersbacher Mühle. 1647 ist sie im Besitz der Eheleute Jacob und Margaretha Busch. Als Pächter tritt ab 1687 Johann Busch auf, danach sein gleichnamiger Sohn Johann (um 1696 - 1751).
Im “Burger Lagerbuch” von 1690 wird die Mühle erwähnt. Dort heißt es:

“Es liegt auch eine MÜHLE IM KIRSPEL WITZHELDEN, AMT MISELOHE, DIE WERSBACHER MÜHLE genannt, ist Hennrichen Wersbach eigentümlich, hat keinen Zwang und gibt vom Wasserfluß vor “Erkenntnis” jährlich zu Martini in die Kellnerei Burg ein Malter Roggen Burgmaßen.”

Auch in den Aufzeichnungen des Witzheldener und Leichlinger Lehrers und Heimatforschers Fritz Hinrichs, werden im Jahre 1697 Jacob Busch Erben als Eigentümer genannt.

Aus den Kirchenbüchern der Ev. Kirchengemeinde Witzhelden geht hervor, dass am
09. November 1741 Anna Katherina Busch , Tochter der Eheleute Johannes Busch und Anna Catharina Boß, wohnhaft in der Wersbacher Mühle, getauft wurde. Johannes Busch starb am 21. März 1755 in der Wersbacher Mühle im Alter von 55 Jahren. Er dürfte demnach im Jahre 1696 geboren und somit ein Sohn, einer der 1697 erwähnten Busch Erben sein.

In seiner TOPOGRAPHICA DUCATUS MONTANI de AMBT MISELO von Erich Philipp Ploennies aus dem Jahre 1715, ist die “mühl” am Wersbach, jedoch ohne nähere Bezeichnung, erstmals in einem Kartographischen Werk aufgeführt.

1750 verkaufen die Brüder Peter und Tillmann Schmidt ihrem Schwager Bertram Schmidt die Wersbacher Mühle.
Nach Eintragungen in den Kirchenbüchern Witzheldens, sind wahrscheinlich Johann Bertram Schmidt, in erster Ehe mit Margaretha Schmidt , und in zweiter Ehe mit deren Schwester Anna Catharina Schmidt verheiratet, als Müllersleute in Wersbach tätig gewesen. Ebenso folgten ihre Söhne als Besitzer.
Zwischen 1802/1803 übernahm der am 03.Juli 1778 in Leichlingen-Schraffenberg geborene Johann Theodor Jühlicher mit seiner Ehefrau Anna Gertrud Schmitz , geboren am 23. Juli 1777 in Leichlingen-Schüddiger Mühle, die am Wersbach gelegene Mühle.

Nachdem im Jahre 1809 durch eine kommunale Gebietsreform die Gemeinden Witzhelden und Bergisch Neukirchen (früher nur Neukirchen, heute Leverkusen) zu einer Gemeinde vereinigt wurden, übernahm Johann Theodor Jühlicher das Amt des Bürgermeisters dieser Gemeinde bis zum Jahre 1819. Dann gab es eine neue Vereinigung, und zwar Burscheid mit Witzhelden, und Neukirchen mit Opladen.
Es war dem Ehepaar Jühlicher aber nicht vergönnt viele Jahre in ihrem Mühlenbetrieb tätig zu sein. Am 31. März 1820 verstarb Ehefrau Anna Gertrud Schmitz im Alter von 42 Jahren, und schon drei Jahre später, am 11. Januar 1823, folgte ihr der Gatte Johann

Die Mühle braucht Wasser

Theodor im Alter von 44 Jahren. Der Nachfolger Wilhelm Schmitz, ob er ein Verwandter der verstorbenen Anna Gertrud Jühlicher, geb. Schmitz ist, kann nicht belegt werden, trat scheinbar ein schweres Erbe an. Er legte im Jahre 1828 Einspruch, wegen zu hoher Besteuerung mit folgendem Wortlaut ein:

“Die Wassermühle mit einem oberschlägigen Wasserrad liegt an der Wersbach, die ihren Ursprung an der dicht unterm Dorf Witzhelden entspringenden Parkbach und in dem von Höhscheid herkommenden kleinen Bächelchen hat, welcher beider Gewässer, in zwei Mühlenteiche geleitet, unterhalb derselben jenen Bach bilden, und diese dann auf die Mühle fließt. Das Wasserrad liegt in einem Gerinn und setzt die in der Mühle sich befindenden zwei Mahlgänge, einer für Korn, der andere für Weizen bestimmt, in Betrieb. Diese Mahlgänge können aber selbst bei dem stärksten Wasserzufluß, wegen der inneren Einrichtung und Bauart der Werke, nicht zugleich in Gang gesetzt werden. Die Mühle hat in der Periode von Johanni bis Michaelis, und nur in gewöhnlichen guten Jahren, kaum so viel Wasser, um täglich 1 ½ bis 2 Stunden mahlen zu können, und selbst in der übrigen Jahreszeit kann dieselbe nicht täglich anhaltend in Betrieb gehalten werden.”

Eine weitere Information entnehmen wir aus der “Viebahn-Statistik” aus dem Jahre 1832 (Statistik und Topographie des Regierungsbezirks Düsseldorf, herausgegeben von Wersbacher Mühle mit Nebengebäuden aus nordwestlicher Sicht.Dr. Johann Georg von Viebahn).

Hier heißt es: “ Es handelt sich um eine Getreidemühle, bestehend aus 1 Wohnhaus, 1 Mühle und 3 landwirtschaftlichen Gebäuden. 6 Menschen leben dort; hingegen waren es 1815/16 noch 11 Personen”.
Johann Wilhelm Schmitz verkaufte das Anwesen lt. Vertrag vom 10. Oktober 1842, geschlossen vor Notar Stockhausen in Solingen, an die Eheleute Friedrich Wilhelm Hager und Juliane, geborene Witte.
Im Jahre 1851 wurde Witzhelden eine eigenständige Gemeinde, und der Siamosenfabrikant Gottlieb Claasen Bürgermeister der neuen Gemeinde.

Der Bürgermeister forderte in einem Schreiben vom 6. Mai 1853 u.a. Friedrich Wilhelm Hager, zum “Nachweis der in der Bürgermeisterei Witzhelden vorhandenen gewerblichen Anstalten, welche nach §27 der allgemeinen Gewerbe Ordnung einer Conzession bedürfen”, zu erbringen. Hager antwortete mit Schreiben vom 26. September 1853 wie folgt:

“Unterzeichneter Besitzer der Fruchtmahlmühle zu Wersbachermühle bescheinigt hierdurch, daß das hiesige Bürgermeister-Amt mich aufgefordert hat, die Conzession zu meinem Mühlenbetriebe nachzusuchen, sowie auch einen Pegel zu setzen. Diesen Aufforderungen werde ich nachkommen.

Wersbacher Mühle, den 26. September 1853.

“ Die Nachsuchung der Conzession bin ich jeden Augenblick bereit zu erfüllen, was jedoch die Setzung eines Pegels betrifft, bin ich der Meinung, daß solcher bei meinem Betriebe indem ich durchaus mit meinem Wasserstauhens keinem zu nahe
trete, rein überflüssig sei. Falls Königl. Regierung aber denn es wünschen sollte, bin ich auch ebenfalls bereit dieser Aufforderung nachzukommen.

gez. Friedrich W. Haager.”

Am 15. Dezember 1863 bricht ein Brand aus. (Akte Nr. 278 STA. Leichlingen, Bestand Witzhelden) Das Wohnhaus wurde nur geringfügig beschädigt, war jedoch zu 6500 Thlr. versichert. Der Stall, versichert zu 150 Thlr. brannte jedoch total ab. Für die Familie Hager ein harter Schlag. Wie aus der Brandakte hervorgeht, wurden die übrigen Bewohner als Zeugen zwecks Feststellung der Brandursache vernommen.

Friedrich Wilhelm Hager gibt am 3. August 1872 im “Verkündiger an der Nieder-Wupper”, aus welchen Gründen ist nicht bekannt, folgende Anzeige auf:

“Meine in der Bürgermeisterei Witzhelden gelegene Fruchtmahlmühle nebst Bäckerei und Knochenstampfe bin ich willens am 1. November dieses oder 1. Mai k. Jahres, mit oder ohne Länderei, auf längere Jahre zu verpachten.
Wersbachermühle, im August 1872.”
Kein Pächter oder Käufer meldete sich, bis im Jahre 1890 Albert Richartz , Müller und Landwirth zu Thielenmühle, in der Gemeinde Burscheid wohnend, mit Vertrag vom 5. April, die Wersbacher Mühle nebst Ländereien von F.W. Hager,seiner Tochter, Frau Witwe Friedrich Richartz geb. Hager, und seinem Sohn Dr. Otto Hager, Magdeburg, für 24.000,-- Mark kaufte.

Albert Richartz war aber nicht der Sohn von Witwe Friedrich Richartz, Emma geb. Hager, sondern gebürtig aus Leichlingen. Er heiratet am 13. März 1886 die Hedwig Kaiser aus Burscheid-Kaltenherberg. Die Eheleute Richartz besaßen 2 Kinder, Walter und Margaretha Catharina.

Die Tochter heiratet 1914 in 1. Ehe Peter Johannes Thiel, Sohn des Peter Johannes Thiel, “Heilpädagoge” und “Odopath”, Besitzer eines in Wersbach gelegenen Gütchens, welches er “Lebensheim” bezeichnete und eine Einrichtung für eine visionäre “Naturerziehungsanstalt für verwaiste und uneheliche Kinder” sein sollte (s. Romerike Berge, Heft 1, 1996, S. 24-30).
Die Ehe Richartz-Thiel wurde nach 1918 geschieden und Peter Johannes Thiel wanderte zu seinem Großvater in Südafrika aus.

Strom aus Wersbach für Witzhelden

Albert Richartz begnügte sich nicht mit der Tätigkeit als Müller und Landwirt, er baute im Jahre 1903 ein Maschinenhaus zur Stromerzeugung. Das Dorf Witzhelden wurde nun aus der Wersbacher Mühle mit Strom versorgt.

Einer der ersten Abnehmer war Fritz Blasberg. In dem Vertrag von 1904 verpflichtet sich Richartz, für die Dauer von mindestens 15 Jahren , elektrischen Strom für Licht- und Kraftzwecke zu liefern. Für Licht beträgt der Preis in Pauschalsumme von 100 Mark pro Jahr. Ab dem Jahre 1909, nach Bau eines Transformatorenhauses, übernahm das Electrizitätswerk Berggeist, heute RWE, die Stromversorgung Witzheldens.
Kurz vor seinem Tode im Jahre 1940 verkaufte Walter, der Sohn von Albert Richartz, die Mühle im Wersbachtal an August Weltersbach, wohnhaft in Eichen. 1941 stellte der Bauer August Weltersbach einen Antrag an den Landrat in Opladen, auf Erteilung einer Erlaubnis zum Betrieb einer alkoholfreien Gaststätte. Zu dieser Zeit wird in dem Gebäude noch die Müllerei und eine Bäckerei betrieben. Die Erhaltung dieser Gewerbezweige ist ihm beim Erwerb des Besitzes im Jahre 1940 auferlegt worden. Zur Begründung des Antrages schreibt er:

Beliebtes Ausflugsziel

“ Der Besitz liegt in dem herrlichen Tal des Vierschelsbaches und ist als ausgesprochens Ausflugs- und Wanderziel anzusprechen.”
Das Restaurant "Wersbacher Mühle" war ein beliebtes Ausflugsziel.
Wie üblich liegt dem Gesuch ein Bau- und Situationsplan bei. Die Kriegs- und Nachkriegszeiten verhinderten jedoch eine Eröffnung des Gastronomiebetriebes.August Weltersbach

Das Stadtarchiv Opladen (jetzt Leverkusen) nahm die versteckte und sichere Lage der Mühle zum Anlaß, den wertvollen Oligschläger-Nachlaß, in Kisten verpackt, bis zum Kriegsende dorthin auszulagern.

Nach Kriegsende dienten die Räumlichkeiten zur behelfsmäßigen Unterbringung von Flüchtlingsfamilien.

Als sich in den 50-ziger Jahren die wirtschaftliche Lage gebessert hatte, begann August Weltersbach mit dem Ausbau einer “Kaffeewirtschaft”.
Die Wersbacher Mühle wurde zu einem beliebten Ausflugsziel für die Menschen aus den umliegenden Städten.
Der Mühlenbesitzer August Weltersbach war von 1949 bis zu seinem Tode im Jahre 1963 Bürgermeister der Gemeinde Witzhelden.

Das vollständige Aus kam am Morgen des 2.Oktober 1974 um 6.50 Uhr. Die Mühle brannte völlig nieder.

 

 

Die Ruine der Wersbacher Mühle nach dem Brand 1974.

Es war still geworden im Wersbachtal, bis zum Jahre 1984. Der Kölner Stadtanzeiger berichtete am 24. Februar 1984 u.a: “Wersbacher Mühle in ganz neuem Kleid. Der Neubau ist nur als Hotel genehmigt. Bauverwaltung beobachtet Bau besorgt. Leichlingen. – Zehn Jahre ist es her, daß die Wersbacher Mühle, seinerzeit Ausflugsbetrieb mit Gaststätte, Kegelbahn und einer Wohnung des Gastwirtes, bis auf die Grundmauern abbrannte. Seit ein paar Jahren schon wollen die Grundstückseigentümer die “Mühle” neu aufbauen – als Appartementhaus mit Hotelbetrieb, in dem 14 Wohnungen als Eigentum verkauft werden sollen. Hart an der Grenze der gesetzlichen Möglichkeiten liegt dieser “Hotelbetrieb”, für den die Baugenehmigung erteilt wurde.”
Der Neubau kam aber nicht bis über Betonfundamente und Bodenplatte hinaus.

 

 

Die Klinik Wersbach

Im Jahre 1992 wurde das Tal mit Baulärm erfüllt, mit Baggern und Bohrern sind Bauarbeiter damit beschäftigt, das alte Fundament des gescheiterten Hotel-Projekts zu beseitigen. Eine Rehabilitationsklinik für chronische Hautkrankheiten soll im Wersbachtal gebaut werden. Anfang 1995 war es dann soweit, die ersten Patienten konnten kommen, um hier in der waldreichen Umgebung Heilung zu finden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, Eigentümerwechsel und diversen Umbauten ist die Klinik Wersbach heute eine Station für Psychosomatische Medizin geworden, mit Spezialabteilung für psychosomatische Dermatologie und Allergologie unter der Leitung eines ärztlichen Direktors und seinem qualifizierten Team.

Die 1992 neu erbaute Klinik Wersbach
Dem Chefarzt stehen 3 Oberärzte, 4 Stationsärzte und 12 Pflegedienst-mitarbeiter/innen zur Seite. Die 59 Zimmer, fast nur Einzelzimmer, mit 63 Betten sind meist voll belegt. Für ein “modernes Marketing” der Klinik ist Geschäftsführer Herr Kurt K.H. Lammert mit 7 Angestellten zuständig.
“Das geht mir unter die Haut”, “Ich habe die Nase voll”; Was der Volksmund mit solchen Redewendungen nahelegt, hat sich die Klinik Wersbach zum Schwerpunkt gemacht:

Nämlich den Zusammenhang Haut/Psyche bzw. Allergie/Psyche besonders zu beachten. Zur Behandlung gelangen können Patienten mit Neurodermitis, Nahrungsmittelallergien, Nesselsucht, Schuppenflechte, Haarausfall, Sklerodermie, sogenannte Artefaktkrankheiten und viele andere mehr. Behandelt wird mit Licht-Bäder (Sole), Salbentherapie. Neben der äußerlichen Behandlung ist die psychotherapeutische Betreuung wichtig. So werden die Patienten von einer Gestaltungs-, einer Tanz-, einer Musik- und einer Psychotherapeutin während ihres Klinikaufenthaltes begleitet.

Da auch eine gesunde Ernährung für eine erfolgreiche Heilung wichtig ist, beschäftigt die Klinik Wersbach 4 qualifizierte Mitarbeiter in der Küche. Selbstverständlich ist hierbei die Zubereitung eines diätetischen Speiseplans, sollte dies vom behandelnden Arzt verordnet werden.
Durchschnittlich verbringen die Patienten 3 Monate in der Klinik.

Hier im stillen Wersbachtal, wo sich einst das Mühlrad drehte, finden kranke Menschen Ruhe, Erholung und Heilung.

 

 

 

 

 

Quellen: Stadtarchiv Leichlingen, Bestand Witzhelden, Archiv der Ev. Kirchengemeinde Witzhelden, Privatarchiv Lore May Witzhelden, Archiv der Klinik Wersbach



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